Tierschutz - Die unabdingbare Voraussetzung
für den Umwelt- und Verbraucherschutz
(Thesenpapier des Deutschen Tierschutzbundes vom 15.01.2001)

Tiere sind in der Landwirtschaft zur beliebig formbaren Verfügungsmasse geworden. Unter artwidrigen Haltungsbedingungen, mit viel High-Tech, künstlichen Hormongaben und Futtermittelzusätzen werden leidensfähige Rinder, Schweine oder Hühner in der industriellen Nutztierhaltung zu Höchstleistungen getrieben, so als handele es sich um leblose Maschinen.

Diese strukturelle Tierquälerei ist zugleich Auslöser für zahlreiche Verbraucherbelastungen und Umweltschäden, unter anderem:

Schlechte Qualität und Rückstandsbelastung von Milch, Eiern oder Fleisch durch Antibiotikaeinsatz und andere Zusatzstoffe bei der Intensivfütterung
Erhöhte Erkrankungsraten (Allergien) der Bevölkerung im Umkreis industrieller Tierhaltungsanlagen
Schadstoffeintrag aus der Massentierhaltung in Luft, Boden und Grundwasser
Überall in der industrialisierten Tierhaltung werden kurzsichtige ökonomische Interessen weniger Tiernutzer über das Schutzbedürfnis leidensfähiger Mitgeschöpfe gestellt und schwere Belastungen für Mensch und Umwelt verursacht. Gefördert wurde und wird diese Entwicklung wesentlich durch die verfehlte Beratung der Landwirte durch ihre Standesvertreter und die Landwirtschaftskammern.

Die BSE-Krise hat einen besonderen Aspekt der pervertierten Nutztierhaltung in den Vordergrund gerückt: Die Bedrohung des Verbrauchers, weil Tiere mit Tiermehl gefüttert wurden, man damit Pflanzenfresser widernatürlich zum Kannibalismus gezwungen hat. Die Belastungen und Risiken durch die industrialisierte Tierhaltung sind nicht erst seit BSE bekannt. Aber spätestens nach den jüngsten BSE-Fällen in Deutschland kann und darf auch hierzulande niemand mehr die Augen vor dem "Wahnsinn" der industrialisierten Tierhaltung verschließen.

Die Landwirtschaft muss eine Perspektive jenseits der Agrarfabriken haben, wie dies etwa auch Bundeskanzler Gerhard Schröder am 28.11.2000 im Deutschen Bundestag gefordert hat. Und da die Ursache der Misere im Missbrauch der Tiere liegt, müssen alle Überlegungen auch und vor allem beim Tierschutz ansetzen, als Voraussetzung um

 

 

 

 

Verbraucher und Umwelt von Grund auf wirksam schützen zu können. Das vorläufig letzte Papier aus dem Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten ("Programm für eine verbraucher- und umweltorientiertierte Agrar- und Ernährungspolitik" vom 05.01.2001) greift deshalb schon im Titel viel zu kurz: Es fehlt der Tierschutz.

Zwar sind einzelne ad hoc-Maßnahmen zum Verbraucherschutz wie eine Positivliste für Futtermittel oder ein Verbot für Leistungsförderer in der Tiermast durchaus auch im Interesse des Tierschutzes. Ebenso können perspektivische Vorschläge wie die zur umweltbezogenen Förderung Optionen für den Tierschutz eröffnen. Eine wirkliche Rolle spielt der Tierschutz im in diesem Papier jedoch nicht.

Mehr noch, der – in dieser Situation beim besten Willen nicht mehr nachvollziehbare – Verweis auf die wirtschaftlichen Erfordernisse der EU-Agrarpolitik und der WTO weist eher darauf hin, dass der ehemalige Bundesminister Karl-Heinz Funke, der für dieses Papier noch verantwortlich zeichnete, bis zuletzt nicht daran dachte, die Agrarstrukturen in Deutschland schnell und nachhaltig zu verändern. Der Tierschutz galt ihm bestenfalls als Nebenprodukt dort, wo sich ökonomische Interessen mehr oder weniger zufällig mit dem Schutzbedürfnis des Tieres – und damit zugleich nur zufällig mit dem Verbraucher- und Umweltschutz – treffen.

Tierschutz ja, aber nur wenn möglich. Das ist gleichbedeutend mit: wir wollen Verbraucher und Umwelt schützen, aber nur wenn möglich. Wir müssen die Gesundheit der Verbraucher jedoch unbedingt schützen und für künftige Generation unbedingt eine intakte Umwelt erhalten. Und genauso sind wir deshalb zum unbedingten Schutz von Tieren verpflichtet.

Es ist entscheidend, dass die neue Agrarpolitik der Bundesregierung diesen Ansatz in die Praxis umsetzt. Wir wollen Tiere unbedingt schützen. Solange dies nicht der Fall ist, wird sich weiter allzu leicht behaupten lassen, dass es aus wirtschaftlichen Gründen nicht möglich sei, die Tiere (den Verbraucher, die Umwelt) zu schützen, anstatt danach zu fragen, wie wir sinnvoll wirtschaften können, um die Tiere (den Verbraucher, die Umwelt) zu schützen.

Das heißt, die viel beschworene "gute landwirtschaftliche Praxis" muss sich an den natürlichen Grundbedürfnissen der Tiere orientieren:

Gruppenhaltung, abgestimmt auf die artspezifischen Erfordernisse
tiergerechte Stand-, Liege- und Bewegungsflächen
artgemäße Fütterung und jederzeit freier Zugang zum Futter
keine Leistungs- oder Wachstumsförderer, keine Knochen- und Tiermehle, keine prophylaktische Gaben von Medizinalfutter (Antibiotika u.a.)
keine Manipulationen am Tier wie Abkneifen der Zähne und Kupieren der Schwänze
keine (Über-)Züchtung zur Leistungsförderung und keine genetischen Eingriffe
In Zukunft dürfen die Tiere nicht mehr an die Stalltechnik und Bewirtschaftungserfordernisse angepasst oder zurechtgestutzt werden, sondern umgekehrt müssen die Zucht- und Haltungsbedingungen an die natürlichen Bedürfnisse der Tiere angepasst werden.

Konkret bedeutet dies beispielsweise für

Legehennen

keine Käfighaltung sondern Freilauf in Freiland-, Boden- oder Volierenhaltung
Möglichkeiten zum Sandbaden und Scharren
Sitzstangen
abgedunkelte Legenester mit Einstreu
keine Amputationen wie Schnabelkürzen

Schweine

Auslaufmöglichkeiten mit Suhle
Trennung von Freß-, Liege- und Aktivitätsbereich
keine Vollspaltenböden sondern planbefestigter Boden mit Einstreu
bei Sauen: keine Fixierung und Haltung in Kastenständen sondern Gruppenhaltung
bei Mastschweinen: keine betäubungslose Kastration von Jungtieren

Milchkühe

Gruppenhaltung mit Zugang zu Laufhof oder Weide
ggf. Liegeboxen-Laufstall, je Kuh ein eingestreuter Liegeplatz
keine Anbindehaltung, kein Kutrainer u.ä.

Kälber

Mutterkuhhaltung mit Zugang zur Weide
im Stall Einstreu, keine Spaltenböden
spätestens mit 2 Wochen in Gruppenhaltung
Milchfütterung, ab 3. Lebenswoche Heu zur freien Aufnahme

Die für diese Haltungsformen in vielen Fällen erforderliche Reduktion des Tierbestandes kann im Zuge der gegenwärtigen Überproduktion an tierischen Produkten nicht als nachteilig erachtet werden. Durch Aufklärung sollte das Kaufverhalten des Konsumenten zudem verstärkt in Richtung tiergerecht erzeugter Lebensmittel beeinflusst sowie der Fleischkonsum insgesamt eingeschränkt werden.

Wenig spezialisierte Betriebe, das sind in der Regel eher kleinere und mittlere landwirtschaftliche Betriebe, können kostengünstig auf eine tiergerechte Haltung umstellen. Hier können die bestehenden Gebäude genutzt und mit überschaubaren finanziellen Mitteln umgebaut werden. Beispielsweise würden Betonspalten zugegossen, Anbindeställe für Kühe zu Laufställen umgebaut oder Durchbrüche durch die Stallwand geschaffen werden, um den Tieren Zugang zu einem Auslauf auf vorhandenen Flächen des Hofes oder einer Weide zu ermöglichen.

Der Deutsche Tierschutzbund verfügt durch das NEULAND-Projekt für tiergerechte und umweltschonende Nutztierhaltung über weitreichende Erfahrungen mit den jeweils erforderlichen Umbaumaßnahmen. Interessierte Betriebe werden hier individuell beraten und Umstellungsmaßnahmen zielgerichtet entworfen und durchkalkuliert. Die Umstellungszeiträume werden je nach den Ausgangsbedingungen entsprechend der sozialen Erfordernisse flexibel gehandhabt. Die Umstellungen sind nicht nur aus Sicht des Tierschutzes erfolgreich, sondern für die beteiligten Betriebe auch aus wirtschaftlicher Sicht tragbar.

Durch eine bessere Beratung der Landwirte, klare gesetzliche Vorgaben, mit denen tiergerechte Zucht-, Haltungs-, Fütterungs oder Transportbedingungen unhintergehbar festgeschrieben werden, und durch die Umverteilung der Agrarsubventionen, weg von den tierquälerischen Agrarfabriken hin zu tiergerechten Haltungsformen, kann die Entwicklung einer tiergerechten Nutztierhaltung nachhaltig gefördert werden.

Anders als im BMELF-Programm vom 05.01.2001 finden sich im Eckpunktepapier der nordrhein-westfälischen Landwirtschaftsministerin Bärbel Höhn [Eckpunkte für eine zukunftsweisende Landwirtschafts- und Verbraucherpolitik, Stärkung der flächengebundenen Tierhaltung, Förderung der artgerechten Fütterung und Haltung und Verständliche und eindeutige Kennzeichnung vom 09.01.2001] dazu eine Reihe positiver Ansätze, unter anderem zur:

Änderung der tierschutzrechtlichen Vorschriften, mit klaren Vorgaben, die gegenwärtige Form der Intesivtierhaltung zum Beispiel bei Schweinen, Rindern und Legehennen zu beenden.
Förderung von tiergerechten, extensiver Haltung statt, wie bisher, der tierquälerischen Intensivhaltung
Auch wenn der Deutsche Tierschutzbund in den Einzelheiten nicht immer mit dem Höhn-Papier übereinstimmt, weisen die Vorschläge grundsätzlich in die richtige Richtung. Nur durch wirklich ernst gemeinte, tiefgreifende Änderungen in der Landwirtschaft, wie sie von Ministerin Höhn zumindest angedacht sind, lässt sich die (Vertrauens-) Krise in der deutschen Landwirtschaft überwinden. Auf der Grundlage eines solchen Papieres steht der Deutsche Tierschutzbund für Gespräche über eine wirkliche Neuorientierung der Agrarpolitik im Interesse von Verbraucher-, Tier und Umweltschutz zur Verfügung und ist bereit, sein Wissen und seine Erfahrungen in die Beratungen einzubringen.

(Quelle: Deutscher Tierschutzbund)

Vereinsgeschehen

Tierschutz - Die unabdingbare Voraussetzung für den Umwelt- und Verbraucherschutz

Innenministerium Mecklenburg-Vorpommern
Verordnung über das Führen und Halten von Hunden

Tierschutz-Hundeverordnung
vom 2. Mai 2001

Wegweiser – Tierschutz / Tierschutzüberwachung